Was wäre, wenn wir die schlimmsten Erlebnisse unseres Lebens für immer aus unserem Gedächtnis löschen könnten? Und was, wenn dabei etwas schiefginge? Marc verliert bei einem Autounfall, den er selbst verschuldet hat, seine Frau. Wie soll er damit weiterleben? Seine Chance sieht er in einem psychiatrischen Experiment, bei dem man von Erinnerungen befreit werden soll. Doch nach den ersten Tests beginnt das wahre Grauen: Marcs Wohnungsschlüssel passt nicht mehr. Ein fremder Name steht am Klingelschild. Dann öffnet sich die Tür - und Marc schaut einem Albtraum ins Gesicht ...
EAN:
9783426198476
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»Was denkst du?«
»Na ja, ich finde sie etwas, sagen wir ... gewöhnungsbedürftig?«
»Grottenhässlich trifft es wohl eher.« »Hast du sie geschenkt bekommen?« »Nein, gekauft.«
»Moment mal. Du hast Geld dafür bezahlt?« »Ja.«
»Für eine babyblaue, batteriebetriebene Delphinnachttischlampe, die du selbst hässlich findest?« » Grottenhässlich.«
»Okay, dann klär mich auf. Wenn das Frauenlogik ist, dann kapier ich sie nämlich nicht.« »Komm her.«
»Ich lieg doch schon fast auf dir drauf.« »Trotzdem, noch näher.«
»Sag mir nicht, du willst die Lampe in unser Liebesspiel integrieren.« »Spinner.«
»Hey, was ist los? Wieso schaust du mich auf einmal so an?«
»Versprichst du mir...« »Was?«
»Versprichst du mir, immer ein Licht anzulassen?« »Ich... ich verstehe nicht ganz. Hast du plötzlich Angst vor der Dunkelheit?«
»Nein, aber...« »Aber?«
»Na ja. Ich hab darüber nachgedacht, wie unerträglich es wäre, wenn dir etwas zustößt. Halt, warte, bleib da. Ich will dich ganz fest halten.« »Was ist denn ... weinst du etwa?«
»Hör zu, ich weiß, es hört sich jetzt etwas verrückt an, aber ich will, dass wir eine Abmachung treffen.« »Okay?«
»Sollte einer von uns beiden sterben - halt, lass mich bitte ausreden. Dann soll der, der gegangen ist, dem anderen ein Zeichen geben.« »Er soll die Lampe anmachen?«
»Damit wir wissen, dass wir trotzdem nicht alleine sind. Dass wir an uns denken, auch wenn wir uns nicht sehen können.«
»Schatz, ich weiß nicht, ob ...« »Schhhhhh. Versprichst du mir das?« »Okay.« »Danke.«
»Ist sie deshalb so hässlich?« » Grottenhässlich.«
»Stimmt, so gesehen eine gute Wahl. Das Monstrum werden wir niemals aus Versehen anschalten.« »Also versprichst du es mir?« »Na klar, Süße.« »Danke.« »Aber was soll uns denn schon zustoßen?«
SPLITTER
It's either real or it's a dream
There's nothing that is in between "Twilight", Electric Light Orchestra
Der Zweck heiligt die Mittel, Lebensweisheit
I. - Heute
Marc Lucas zögerte. Ließ den einzigen noch unversehrten Finger seiner gebrochenen Hand lange auf dem Messingknopf der alten Klingel ruhen, bevor er sich einen Ruck gab und drückte.
Er wusste nicht, wie spät es war. Die Schrecken der letzten Stunden hatten ihm auch das Zeitgefühl geraubt. Doch hier draußen, mitten im Wald, schien Zeit ohnehin keine Bedeutung zu haben.
Der eisige Novemberwind und der Schneeregen der letzten Stunden hatten etwas nachgelassen, sogar der Mond schimmerte kurz durch die aufgerissene Wolkendecke. Er war die einzige Lichtquelle in einer Nacht, die ebenso kalt wie dunkel schien. Nichts deutete darauf hin, dass das efeuberankte, doppelstöckige Holzhaus bewohnt war. Selbst der viel zu groß dimensionierte Schornstein auf der Spitze des Giebeldachs schien nicht in Betrieb. Marc roch auch nicht den typischen Duft verbrannten Kaminholzes, der ihn heute Vormittag im Haus des Arztes geweckt hatte - um kurz nach elf, als sie ihn zum ersten Mal hierher in den Wald zum Professor gebracht hatten. Schon da hatte er sich krank gefühlt. Sterbenskrank. Und doch hatte sich sein Zustand seither dramatisch verschlechtert. Vor wenigen Stunden noch waren seine äußerlichen Verfallserscheinungen kaum sichtbar gewesen. Jetzt tropfte Blut aus Mund und Nase auf seine verdreckten Sportschuhe, die zersplitterten Rippen rieben beim Atmen aneinander, und sein rechter Arm hing wie ein schlecht verschraubtes Ersatzteil am Körper herab. Marc Lucas drückte erneut den Messingknopf, wieder ohne ein Klingeln, Summen oder Schellen zu hören. Er trat einen Schritt zurück und sah zum Balkon hoch, hinter dem das Schlafzimmer lag, von dem man tagsüber einen atemberaubenden Blick auf den kleinen Waldsee hinter dem Haus hatte, dessen Oberfläche in windstillen Momenten an Fensterglas erinnerte - eine glatte, dunkle Scheibe, die in tausend Teilchen zersplittern würde, sobald man einen Stein hineinwarf.
Das Schlafzimmer blieb dunkel. Selbst der Hund, dessen Namen er vergessen hatte, schlug nicht an, auch alle anderen Geräusche blieben aus, die normalerweise aus einem Haus dringen, dessen Bewohner mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden. Keine nackten Füße, die die Treppe heruntertrampeln; keine Hausschuhe, die über den Dielenboden schlurfen, während ihr Besitzer sich nervös räuspert und versucht, seine zerzausten Haare mit beiden Händen und etwas Spucke zu glätten. Und dennoch wunderte Marc sich nicht eine Sekunde, als plötzlich wie von Geisterhand die Tür geöffnet wurde. Viel zu viel Unerklärliches war ihm in den letzten Tagen widerfahren, als dass er auch nur einen Gedanken daran verschwendet hätte, weshalb der Psychiater vollständig bekleidet vor ihm stand, im Anzug und mit korrekt gebundener Krawatte, als halte er seine Sprechstunden grundsätzlich mitten in der Nacht ab. Vielleicht hatte er ja im hinteren Teil seines verwinkelten Häuschens gearbeitet, alte Patientenakten gelesen oder einen der dicken Wälzer über Neuropsychologie, Schizophrenie, Gehirnwäsche oder multiple Persönlichkeiten studiert, die überall umherlagen, obwohl er schon seit Jahren nur noch als Gutachter praktizierte.
Marc fragte sich auch nicht, weshalb das Licht aus dem Kaminzimmer erst jetzt zu ihm nach draußen drang. Ein Spiegel über der Kommode reflektierte die Strahlen, so dass es für einen Moment so wirkte, als trage der Professor einen Heiligenschein. Dann trat der alte Mann einen Schritt zurück, und der Effekt war verschwunden. Marc seufzte, lehnte sich erschöpft mit der gesunden Schulter an den Türrahmen und hob die zertrümmerte Hand. »Bitte ...«, flehte er. »Sie müssen es mir sagen.« Seine Zunge schlug beim Reden an lose Schneidezähne. Er hustete, und ein dünner Blutstropfen löste sich aus der Nase.
»Ich weiß nicht, was mit mir geschieht.« Der Arzt nickte bedächtig, als fiele es ihm schwer, den Kopf zu bewegen. Jeder andere wäre bei seinem Anblick schockiert zusammengezuckt, hätte vor Angst die Tür zugeschlagen oder zumindest sofort medizinische Hilfe gerufen. Doch Professor Niclas Haberland tat nichts dergleichen. Er trat lediglich zur Seite und sagte mit leiser, melancholischer Stimme: »Es tut mir leid, aber Sie kommen zu spät. Ich kann Ihnen nicht mehr helfen.« Marc nickte. Mit dieser Antwort hatte er gerechnet. Und er hatte sich darauf vorbereitet.
»Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl!«, sagte er und zog die Pistole aus seiner zerrissenen Lederjacke.
2.
Der Professor ging voran, den Flur entlang zum Wohnzimmer. Marc blieb dicht hinter ihm, die Waffe unablässig auf Haberlands Oberkörper gerichtet. Dabei war er froh, dass der alte Mann sich nicht umdrehte und daher seinen drohenden Schwächeanfall nicht wahrnahm. Kaum hatte Marc das Haus betreten, war ihm schwindelig geworden. Der Kopfschmerz, die Übelkeit, die Schweißausbrüche ... all die Symptome, die die psychischen Qualen der letzten Stunden noch verstärkt hatten, waren mit einem Mal zurückgekommen. Jetzt wollte er sich am liebsten an Haberlands Schultern festhalten und sich von ihm ziehen lassen. Er war müde, so unerträglich müde, und der Flur schien unendlich viel länger als bei seinem ersten Besuch. »Hören Sie, es tut mir leid«, wiederholte Haberland, als sie das Wohnzimmer betraten, dessen hervorstechendes Merkmal ein offener Kamin war, in dem ein schwächeln-des Feuer langsam ausbrannte. Seine Stimme klang ruhig, fast mitleidig. »Ich wünschte wirklich, Sie wären früher gekommen. Jetzt wird die Zeit knapp.« Haberlands Augen waren völlig ausdruckslos. Wenn er Angst hatte, konnte er sie ebenso gut verbergen wie der greise Hund, der in einem kleinen Rattankörbchen vor dem Fenster schlief. Das sandfarbene Fellknäuel hatte noch nicht einmal den Kopf gehoben, als sie eingetreten waren. Marc ging in die Mitte des Raumes und sah sich unschlüssig um. »Die Zeit wird knapp? Wie meinen Sie das?« »Sehen Sie sich doch an. Sie sind in einem schlimmeren Zustand als meine Wohnung.«
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»Der Berliner Autor Sebastian Fitzek ist ein Meister des Wahns.« Brigitte
»Klingt alles sehr schräg, packt einen aber beim Lesen. Und was wäre Spannungsliteratur ohne einen Hauch Irrsinn? Wenn Sie mehr von diesem Autor lesen wollen, empfehlen wir noch den düsteren Vorgänger 'Das Kind'.« Stern
»'Splitter' vom Berliner Autor Sebastian Fitzek ist Psycho pur. Atemberaubend, hochspannend.« B.Z.
»Ein typisch Fitzek'sches Verwirrspiel mit doppeltem Boden, sodass man aufpassen muss, bei klarem Verstand zu bleiben.« Buchjournal
»Fitzek schreibt klar, beklemmend, mit Tiefgang. Seine Romane hallen nach, lang nachdem man die letzte Seite gelesen hat.« John Katzenbach
Biographie:
Sebastian Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren, von wo aus er heute als Journalist und Autor für zahlreiche Hörfunkstationen und TV-Sender tätig ist. Gleich sein erster Psychothriller, »Die Therapie«, eroberte die Taschenbuch-Bestsellerliste und begeisterte Kritiker wie Leser gleichermaßen.