Bei einem Sprachaufenthalt in England begegnet die junge Verena dem attraktiven Studenten Khalid. Die beiden verlieben sich ineinander, doch ihre Beziehung muss ein Geheimnis bleiben. Denn Khalid entstammt einer der sieben Herrscherfamilien der Vereinigten Arabischen Emirate - eine Hochzeit mit Verena wäre unmöglich. Über Jahre hinweg treffen sich die beiden heimlich, in Dubai, Zürich und Kairo. Eines Tages beschließen sie, sich nicht länger zu verstecken und allen Widerständen zum Trotz zu ihrer Liebe zu stehen - doch das Schicksal hat anderes mit ihnen vor ... Ein bewegender Erfahrungsbericht über eine große Liebe.
EAN:
9783426781364
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Ein feuchtes Gemisch von Meeresluft und Kerosin schlägt uns entgegen, als wir von Bord der Maschine gehen. Ringsum ist alles in tiefes Schwarz getaucht, nur der Terminal leuchtet in der Ferne. »Endlich wieder im geliebten Land«, denke ich, und schon fängt mein Herz an zu rasen.
Unterhalb der Gangway wird eine arabische Familie von Leibwächtern mit Limousinen in Empfang genommen. Für einen Moment kommt die Passagierkolonne zum Stillstand. Gebannt sehe ich zu, wie die Meeresbrise sanft über schwarze Schleier streicht und mit den Gewändern spielt. Doch allem Anschein nach bin nur ich empfänglich für die Stimmung, die uns umgibt. Mein Mann Franz bemerkt nüchtern: »Hier riecht's nach Kerosin und Weihrauch.«
Als die Triebwerke einer Pakistan Airlines von der Landebahn her aufheulen, nimmt mein Herz nochmals einen Satz. Entnervt versuche ich mir einzureden, dass mich die ganze Vergangenheit kaltlässt. Doch das glaube ich selbst nicht. Einzig die Gewissheit, dass ich inzwischen hochoffiziell verheiratet bin, hilft mir, stolz und aufrecht zu gehen. Aber die Nervosität bleibt.
Als wir die Ankunftshalle betreten, herrscht reger Betrieb. Indische und pakistanische Reiseagenten winken mit Visa und rufen die Namen einreisender Passagiere aus. Wohin mein Blick auch fällt, von allen Seiten rücken Männer in schneeweißen Kandoras in mein Gesichtsfeld. Sie laufen durch die Halle oder beobachten das Geschehen von einem Sitzplatz aus. Mit dem typischen ausdruckslosen Gesicht des Wüstenarabers, versteht sich. Zu viel Augenmerk gehört sich nicht. Bei der Gleichheit ihrer Gewänder und der betörenden Suffra, die für gewöhnlich das Profil verdeckt, ist man nie sicher, wer sich dahinter verbirgt. Die Vorstellung, dass Khalid rein zufällig hier sein könnte, lässt meinen Blutdruck unwillkürlich steigen.
»Was ist eigentlich los mit dir?«, will mein Mann wissen. »Du benimmst dich völlig absonderlich, wirfst ständig dein Haar ins Gesicht und starrst geradezu in den Boden.«
»Wenn er bloß wüsste«, denke ich und wünschte, ich könnte ihm erklären, wie mir zumute ist. Ja, dass es wieder da ist. Dieses schreckliche Gefühl, eine Mischung aus Freude und gleichzeitiger Angst, ich könnte entdeckt werden. Oder schlimmer noch: Die Behörden würden mich, auf Geheiß meines Ex-Ehemannes, bei der Passkontrolle festhalten. Wie dem auch sei. Ich kann meinen Mann, dem ohnehin jedes Mal die Nerven durchgehen auf Reisen, doch nicht zusätzlich belasten.
Während wir dem Strom der Einreisenden folgen, bemerke ich zufällig zwei Männer, die sich gestikulierend unterhalten. Einer lacht und wirft dabei den Kopf in meine Richtung. Noch während ich, im Bruchteil einer Sekunde, die fremden Augen streife, sehe ich, wie sich der Mund öffnet und etwas sagen will. Mir stockt der Atem. Sag, dass es nicht wahr ist. Sag, dass es nicht Khalid ist. Tausendmal hab ich mich in die Situation versetzt, und tausendmal konnte ich mir nicht vorstellen, wie wir reagieren würden. Wie vom Blitz getroffen und ohne stehen zu bleiben, gehe ich weiter, als hätte ich nichts gesehen. Alles an mir zittert, die Knie, die Hände, jedes einzelne Glied. Am liebsten hätte ich mich fest an meinen Mann geklammert. Doch für einen Hilferuf ist es jetzt zu spät. Franz wäre mit Sicherheit vor den Kopf gestoßen und die Ferien - sofern wir hier heil rauskommen - verpfuscht.
Beim Betreten der Rolltreppe schiebe ich mich unauffällig vor meinen Mann. Noch immer pocht mein Herz wie wild. Aus Angst, gar hautnah verfolgt zu werden, wage ich keinen Ton zu sprechen, geschweige denn, mich umzusehen. Es ist, als würde Khalids Gegenwart den ganzen Flughafenterminal erfüllen. Oder sind alles bloß Hirngespinste?
Als wir die Passkontrolle hinter uns lassen, bin ich nervlich am Ende.
Was ist es bloß, das mich fast magisch an diesen Ort zurückzieht? Schlägt in mir vielleicht das Herz der Wüste? Bin ich der Rub AI Khali bereits so nahe gekommen, dass ich hilflos darin gefesselt bin wie in einer unglücklichen Liebe?
»Also wirklich, Verena!«, rufe ich mich zum Verstand.
Eines steht dennoch fest; dieses Land zählt zu den beeindruckendsten Flecken dieser Erde. Man kann fast sagen, es symbolisiert das, was sich arabische Beduinen als irdisches Paradies vorstellen. Keine Fata Morgana: Da, wo gestern noch Sand den Boden bedeckte, spiegelt sich heute der Himmel in Teichen und Glaspalästen, bedeckt grüner Rasen die Dünen mit Golfplätzen, und entlang der türkisfarbenen Küste konkurriert ein schöner Luxus-Re-sort den anderen. »Allah u akhbar« - Allah ist groß, tönt es aus der Stadt herüber. Sekunden später fallen aus allen Himmelsrichtungen die Muezzine mit ihrem Sprechgesang ein. Faszinierend die Gegensätze und bewundernswert die Menschen, die trotz der Ölmilliarden und dem Einfluss des Westens ihre Traditionen zu wahren wissen.
Der Flughafen Dubai und die Stadt liegen bereits hinter uns, als Straßenrand nichts als Wüstensand und riesenhafte Porträts niger Emire an uns vorbeiziehen. Hin und wieder schießt, wie aus dem Nichts, eine dunkle Luxuskarosse im Höllentempo an uns vorbei. Franz schüttelt bloß den Kopf. Doch ich weiß; spätes-ns bei Sonnenaufgang wird auch er begeistert sein von diesem Land.
Nach einigen Kilometern in völliger Dunkelheit erhebt sich plötzlich - wie eine glitzernde Schatztruhe - das »Jebel Ali Hotel« kus dem Sand. Eben staubte noch die Wüste hinter uns, als sich Ibeim Eingangstor eine wahre Oase öffnet. Hohe Pinien, Palmen und Platanen recken ihre Wipfel zum Mond. Fasane laufen über den Weg, und in den Baumkronen kreischen exotische Vögel.
»Endlich bin ich in Sicherheit«, denke ich.
Als uns der Portier die Zimmertür öffnet, laufe ich direkt zum Balkon. Wehmut ergreift mich beim Blick auf das silberne Meer. In den letzten Jahren hat sich einiges geändert hier. An der Jumei-rah Beach sind zwei brandneue Fünfsterne-Hotels entstanden. Doch ich bin mir sicher, dass das »Jebel Ali« mit seinem prachtvollen Palmengarten, der sich bis zum Wasser erstreckt, alles in den Schatten stellt. Und nicht zuletzt hat es Geschichte geschrieben ...
An diesem ersten Urlaubstag leuchtet der wolkenlose Himmel in tiefem Blau. Im Schatten der Palmen, sanft von der Sonne berieselt, lausche ich lange und angespannt in die Umgebung. Vom Park her dringt halblautes Gekreische von Fasanen durch. Die Buchseite ist immer dieselbe. Ich kann mich nicht aufs Lesen konzentrieren. Pausenlos tauchen Bilder vom Flughafen vor meinen Augen auf. Ich sehe Khalid, sehe, wie sich der Mund öffnet, sehe mein schockiertes Davonlaufen und schäme mich bodenlos. Am liebsten würde ich laut schreien - wie die Fasane; ich glaube, danach ginge es mir besser.
Während mein Mann in seine Lektüre vertieft ist, werfe ich immer wieder einen Blick über die Buchkante. Der Grasshopper, ein umfunktionierter Golf-Cart mit kühlen Drinks, rollt leise zwischen den Palmen und Liegestühlen heran.
»Schatz, magst du eine Erfrischung?«, frage ich.
»Aber klar doch.«
Als Franz an seinem Strohhalm zieht, betrachtet er mich nachdenklich. So, als spüre er die sonderbaren Schwingungen, die von mir ausgehen.
»Woran denkst du, Verena?«
»Ach, an nichts Besonderes. Ich entspanne mich bloß. Ist es nicht paradiesisch hier?«
»Weshalb rutschst du dann ständig ruhelos auf deinem Liegestuhl herum?«
»Ruhelos?«, frage ich überrascht.
»Na, einmal ist es die Rücklehne, dann dein CD-Player, wieder die Sonnencreme ...«
»Ich bin nun mal eine Frau«, erinnere ich ihn, in der Hoffnung, dass er sich mit dieser Erklärung zufriedengibt.
»Aha, verstehe. Erzähl mir aber zu Hause bloß nicht wieder, du hättest dauernd zu wenig Zeit zum Lesen.«
An dieser Stelle springe ich auf, drücke ihm schleunigst einen dicken Kuss auf die Wange und - vergessen ist die Zankerei.
Ich mache es mir wieder bequem auf der Liege und versuche, mich aufs Lesen zu konzentrieren.
»Wirst du Khalid einmal anrufen«, durchbricht es plötzlich die Stille.
Ich werfe einen Blick über die Buchkante.
»Bitte was?«, frage ich überrascht.
»Schatz, du weißt, dass ich nicht im Geringsten den Wunsch verspüre, meinen Exmann zu sprechen, noch denke ich daran, ihn zu sehen. Es sei denn natürlich, du möchtest es.«
Obschon ich weiß, wie sehr Franz eine Begegnung mit Khalid widerstrebt, schmunzle ich: »Da müsste ich allerdings ein Treffen in Erwägung ziehen ...«
»Verschone mich bitte mit deinen Wüstengeschichten, Verena.«
Täusche ich mich, oder schwingt gar ein Hauch der Bewunderung aus seinen Worten? Franz würde sich solcherlei natürlich nie eingestehen.
Fast zwangsläufig beginnen meine Gedanken um Khalid zu kreisen. Ob ich will oder nicht, das letzte Gespräch mit Mama ist plötzlich allgegenwärtig. Khalid pflegt meine Mutter nämlich ein-bis zweimal pro Jahr anzurufen. Meistens geschieht dies um Weihnachten oder um meinen Geburtstag herum. Manchmal auch mitten im Sommer oder � neulich im Oktober. Mein Mann und ich befanden uns gerade unterhalb des südlichen Wendekreises auf dem sechsundzwanzigsten Breitengrad, als Mama mir die edle Botschaft aus Dubai übermittelte. Genauer gesagt, erreichte mich Khalids großzügiges Angebot im »Palace of the Lost City« in Südafrika.
Jetzt, wo wir beide verheiratet seien - offiziell, könnte ich doch in seinem Hause vor aller Augen willkommen sein. Im Beisein meines angetrauten Ehemannes, versteht sich.
»Aber Mama«, rief ich empört.
Nichts als Trotz und Unmut stiegen in mir hoch, als die Worte durch die Leitung drangen. Khalid musste den Verstand verloren haben. Sollten wir uns etwa unter dem Deckmantel alter Schulfreunde unter die Augen treten? Was gab ihm bloß die Gewissheit, dass ich unser Geheimnis bewahren könnte? Und, wie würde ihn erst die Frage nach unserer Heiratsurkunde in Bedrängnis bringen? Jenes Schriftstück, das er mir unter taktischen Vorwänden weggenommen und nicht wieder zurückgegeben hat.
»Bismillah � in Gottes Namen, ich verspreche es dir, du kriegst eine Kopie davon. Und du darfst mich daran erinnern«, hatte er beteuert.
Ich schätze, um eine Familientragödie abzuwenden, musste die Urkunde vernichtet werden. Doch wer weiß, vielleicht ruht unser Geheimnis ja sorgsam in einem Tresor aufbewahrt. Ein streng gehüteter Schatz. Ich wüsste es zu gerne.
Wäre da nicht der Stolz. Mein ungebrochener Stolz, der bislang jeglichen Kontakt verweigert hat. Nie wieder sollte Khalid meine Stimme hören, geschweige denn, mich zu Gesicht bekommen. Dies war mein fester Vorsatz über all die Jahre.
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»Ein starkes Buch, das zutiefst berührt und mich noch in der Nacht beschäftigt hat. Was für eine Geschichte des Leidens, welche Missverständnisse und Verstrickungen! Und - die Geschichte ist wahr!« Adrian Suter, Verleger »Wie ein fantastisches Märchen aus Tausendundeiner Nacht, aber leider ohne Happy-End.« H. Elias Fröhlich, Journalist