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Sommer  Meer und Liegestuhl: Iris Grädler (Hg.)
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Iris Grädler (Hg.)

Sommer, Meer und Liegestuhl

Das große Sommer-Lesebuch

sofort lieferbar
1 gebund. Buch
Bestellnummer: 103660
Gebunden mit Schutzumschlag, Premiere, 384 Seiten
Clubausgabe 14,95 €*
Kundenservice: 24h-Lieferservice möglich Kostenlose Lieferung in eine Filiale möglich Geschenkverpackung möglich

Über dieses Buch:

Ob auf Ihrem Balkon zu Hause oder im Liegestuhl am Urlaubsort - das große Sommer-Lesebuch bietet »all-inklusiv« wunderbare Unterhaltung für die schönste Zeit des Jahres: Krimispannung sorgt für Gänsehaut, ungezogene Hunde bringen die Lachmuskeln auf Trab, Lesereisen in ferne Länder laden zum Staunen ein, und romantische Begegnungen in lauen Nächten erwärmen das Herz - auch dann, wenn ein Sommerregen für Abkühlung sorgt. Mit rund 30 Autoren, darunter Charlotte Link, Sebastian Fitzek, Eva Völler, Horst Eckardt, Iny Lorentz, Diana Gabaldon, William Trevor und Sabine Kornbichler.
EAN: 206004103660

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Leseprobe:

GISA KLÖNNE, Der Duft von Frangipani
Es wird warm dort sein, denkt Ebba Mühler. Es wird nach Frangipani duften und die Pagoden goldener Tempel werden im Sonnenlicht glitzern, wenn ich durch die Straßen gehe. Die Frau neben Ebba saugt beleidigt an ihrem Inhalator. Sie sagt jetzt nichts mehr und das ist ein Segen. Unaufgefordert hatte sie sich als Viviane Varnhagen, Typberaterin vorgestellt, um dann ohne Punkt und Komma auf Ebba einzureden, kaum dass sie mit einem asthmatischen Schnaufer neben Ebba auf den Flugzeugsitz gesunken war. Beim Abendessen hat Ebba schließlich ein paar sorgfältig ausgewählte Details von ihrer eigenen Arbeit zum Besten gegeben. Einer Arbeit, bei der man Grün trägt und Gummistiefel, egal was für ein Typ man ist, einer Arbeit bei der Modeaccessoires so fehl am Platz sind wie Konversation.
Ebba unterdrückt ein Lächeln. Ihr Beruf ist spannend, sie redet gern darüber, auch im Urlaub und auch wenn sie weiß, dass sie das zuweilen ein wenig einsam macht. So ist das eben, manchmal bedauert sie es, doch mit ihrer Sitznachbarin fühlt sie kein Mitleid, auch wenn deren Gesichtsfarbe sich nur allmählich wieder normalisiert. Sie sind ja eher der etwas unscheinbare Typ, hat sie zu Ebba gesagt, um dann von Push-ups und Make-ups zu schwadronieren, kleine Zaubertricks für Frauen in unserem Alter, riskieren Sie ruhig mal was, ein bisschen Farbe täte Ihnen gut.
Ebba mag kein Risiko. Sie hat die Dinge lieber im Griff. Lange hat sie überlegt, ob sie diese Reise machen soll. Sie hat an grauenhaft geschmacklose Hotelmöbel gedacht, an papierdünne Wände zu den Nachbarzimmern, in denen Menschen wie Viviane Varnhagen logieren, sie hat sich vor Augen geführt, dass das Meer nie so türkis ist wie in den Reiseprospekten. Und doch schwebt sie jetzt in einer Boeing durch die Nacht nach Bangkok und fühlt sich leicht und froh und ein wenig verwegen. Selbst eine Viviane Varnhagen kann das nicht ändern. Und was bedeutet die schon? Sechs Stunden Flug noch, dann wird Ebba ihr ein letztes, höfliches Lächeln schenken und sie nie mehr wiedersehen.
Genau genommen ist Ebbas Reise die Idee eines ihrer Klienten. Wir wollten doch noch einmal zusammen den Duft von Frangipani atmen, hatte dessen Ehefrau geschluchzt. Ebba wollte nicht nachfragen, was Frangipani ist, das hätte nicht gepasst. Aber das Wort klang nach in ihr, setzte sich in ihr fest, setzte etwas in ihr in Gang. Sie hat sich plötzlich nach Wohlgerüchen gesehnt, nach Überraschungen und ja � nach einem Abenteuer. Sie hat, auch wenn sie versuchte das zu ignorieren, augenblicklich an Sex gedacht, nein, nicht nur gedacht, sie hat dort unten in ihrem kühlen Keller eine grotesk unpassende, vollkommen unprofessionelle und darum umso erstaunlichere Lust gespürt. Sie hat sich geschämt dafür, sie ist schließlich 46, weiß Gott kein Schulmädchen mehr. Aber der Lust ist das egal gewesen. Sie hat sich einfach nicht wieder vertreiben lassen.
Frangipani, hat Ebba gesummt, später, als die Frau gegangen war und Ebba dem Mann � einem sehr attraktiven Mann, der den Duft von Frangipani trotzdem nie mehr atmen würde � seine letzten Geheimnisse entlockt hatte. Frangipani, hat sie ihm zugeflüstert, während sie ihn zurück in den Eisschrank schob und ihren nach seinen Organen und Körpersäften muffelnden Arbeitsplatz aufräumte. Das Wort irrte an den Kachelwänden entlang, bevor es zu Ebba zurück schwebte. Es schien etwas zu versprechen. Es klang nach praller, sinnlicher Lebendigkeit, einem Zustand also, von dem die meisten Menschen, mit denen Ebba Mühler sich näher beschäftigt, weit entfernt sind. »Frangipani, auch Wachsblume, Tempelbaum genannt«, verriet ihr das Internet. »Verbreitungsgebiet: rund um den Äquator, oft in Thailand. Die Bäume aus der Gattung der Plumeria haben sehr wohlriechende weiße Blüten.«
Ebba bestellt ein Glas Champagner, zwinkert ihrem Spiegelbild im Flugzeugfenster zu, prostet ihm zu. Blühende Bäume, lächelnde Buddhas, exotische Speisen und vielleicht, vielleicht � auch wenn sie sich an dieser Idee nicht festzubeißen versucht - ein nächtliches Stelldichein auf seidigen Laken, zwei warme, feste Hände auf ihrem Körper, fremd und dennoch kundig. Sie wünscht sich plötzlich, dass das Flugzeug schneller fliegt. Ich will den Duft der Frangipanibäume riechen, hat sie im Reisebüro gesagt. Es darf ruhig ein bisschen exotisch sein.
Die Frau neben Ebba riecht nicht exotisch, ganz und gar nicht, sie dünstet Kunstvanillearoma aus. Ebba immer noch anschmollend breitet sie einen bonbonrosa Schal über sich und versucht zu schlafen. Bei jedem ihrer rasselnden Atemzüge beben ihre Brüste - eine unübersehbare, himbeerpuddingartige Provokation. Frangipani, wiederholt Ebba, Frangipani, ein stummes Mantra, nein, mehr noch, eine Hoffnung. Ihre eigenen Brüste erinnern keinesfalls an Wackelpudding, das weiß sie, ohne hinzugucken, aber wer weiß, vielleicht gibt es trotzdem irgendwo jemanden, der sich dafür interessiert. Sie muss das riskieren, sie wird das riskieren. Und auf jeden Fall wird sie drei Wochen lang nicht mehr die Rechtsmedizinerin Dr. Ebba Mühler sein, sondern einfach nur Ebba, eine deutsche Touristin mit einer Sehnsucht, die etwas sehen will von der Welt.
Die ersten Tage vergehen wie im Rausch. Bangkok ist ein Moloch, ein Zuviel an allem, jedenfalls für eine Frau, die es gewohnt ist, den Großteil ihrer Zeit mit Leichen zu verbringen. Autos und Zweitakter- Benzin spuckende Tuk-Tuks, Licht, Farben, Händler, Nutten, Garküchen, Geräusche, Gerüche, alle zu grell, alle zu scharf, stürmen auf Ebba ein. Touristen schwitzen in Warteschlangen vor Tempeln und Palästen, fettleibig und sonnenverbrannt und alles andere als wohlriechend, obwohl sie quicklebendig sind. Gar nicht daran zu denken, einen von ihnen mit in ihr Hotelzimmer zu nehmen. Allein liegt Ebba auf seidigen Laken, die nach einem zweiten Körper förmlich zu schreien scheinen, während die Thaimetropole unter den Fenstern brodelt. Allein schläft sie ein und erwacht von ihrem Schrei, weil ihr auf einmal Silikonbrüste wachsen und Viviane Varnhagens heisere Stimme darüber lacht.
Erst im Zug nach Petchaburi entspannt sich Ebba, vielleicht weil die Abteile der 1. Klasse heruntergekühlt sind, als stünde eine Obduktion bevor. Und letztendlich erfordert ja auch eine Reise nichts anderes als eine Autopsie, denkt sie. Schicht für Schicht muss man sich vorwärts tasten, muss jeden Tag auf Herz und Nieren prüfen. Muss Hypothesen aufstellen, Versuche anstellen, nur um diese, wenn das erforderlich wird, zu korrigieren oder zu verwerfen.
Ihr Herz klopft wild, als sie in Petchaburi auf dem Bahnsteig steht. Feuchtwarme Luft legt sich auf ihre Haut, liebkost sie, schmeichelt ihr. Dienstbeflissene Männchen eilen auf sie zu, Gummilatschen schnalzen an nackte Fußsohlen, der schnellste Läufer ergattert ihren Koffer, geleitet sie zu einer Rikscha, vorbei an seinen trotz ihrer Niederlage immer weiter lächelnden Kollegen. Wie eine Königin kommt Ebba sich vor, endlich angekommen in ihrem gelobten Land. Der Rikschafahrer drückt Ebba auf einen Sitz und verstaut ihr Gepäck. Viel zu groß und zu schwer geraten kommt sie sich plötzlich vor, doch ihren Fahrer stört das nicht. Im Gegenteil, er mustert sie mit Besitzerstolz, bevor er sich in die Pedale stemmt, dass die Muskelstränge in seinen nackten, dünnen Waden förmlich zu bersten scheinen.
In Zeitlupentempo gleiten sie vorbei an Tempeln und Hütten und Häusern. Mofas überholen sie und hupen. Passanten bleiben stehen, gaffen sie an, winken Ebba zu und lächeln. Sie ist eine Rarität, eine Attraktion, eine farang, die einzige weiße Europäerin weit und breit. Nicht einen Moment lang denkt sie mehr an ihre Toten oder an Viviane Varnhagen. Sie hat etwas riskiert, nun ist sie angekommen im Land des Lächelns, nun lächelt auch sie. Dann sieht sie den Berg des Königspalasts. Rot und golden und weiß erheben sich Dächer und Pagoden aus einem Meer weiß blühender Bäume in den Himmel. Die Zeit scheint stillzustehen, die Welt mit Ebba den Atem anzuhalten, nur ein paar kahlköpfige Mönche in orangefarbenen Kutten sitzen unter einem Baldachin und singen buddhistische Choräle.
Ebba drückt dem Rikschafahrer Baht-Scheine in die Hand. Viel zu viele, wie sie an seiner Reaktion bemerkt, denn er strahlt und dienert und schleppt ihren Koffer am Hotelpagen vorbei wie eine Trophäe bis in ihr Zimmer im dritten Stock. Dort bleibt er stehen, als erwarte er weitere Befehle. Aber Ebba hat keine weiteren Befehle für ihn, sie will allein sein, sich frisch machen und dann zum Königspalast hinauf schreiten, sie will den Duft der Frangipanibäume riechen, ach was, ihn auskosten, sich verlieren in ihm.
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