Das geheime Tagebuch der Mirja Boes: Peinlicher geht's nicht - amüsanter auch nicht! Hormonstau, Pickel und junge Italiener. Comedian Mirja Boes, bekannt aus »Die dreisten Drei« und »Angie«, lässt uns einen Blick in ihr streng bewachtes Tagebuch aus den 80er Jahren werfen. Sie erzählt von der ominösen »Unterhosen-Kralle«, dem »Kobra-Arm« und »Klopömpel-Küssern« - und spricht aus, was es heißt, beim ersten Date den Wellensittich des Angebeteten breit zu sitzen. Schonungslos und schockierend! Mit dem Soloprogramm »Morgen mach ich Schluss! Wahrscheinlich ...« ist Mirja auf Deutschlandtour.
EAN:
9783805208680
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Wie beginnt man eigentlich einen Bestseller? Bekanntlich
ist ja der erste Satz im Buch die schwerste Hürde für den
Autor von Weltrang. Ich sitze also vor dem Laptop, und
die Hände verkrümmen sich gichtartig, während mein
Gesicht den Ausdruck eines Primaten annimmt. Mann,
Mann, Mann � warum habe ich nur «ja» gesagt, als diese
nette Lektorin mich fragte, ob ich nicht ein Buch über
mein Leben schreiben würde? Seit meinem Einverständnis
ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen � ja ja! Eine
Metapher! Liebe Leser � damit müsst ihr euch wohl
oder übel arrangieren. Denn als Schriftstellerin möchte
ich gefälligst auch so tolle Sachen benutzen dürfen wie
Metaphern! In der Schule habe ich sie übrigens gehasst.
Mir ist schon klar, dass ihr jetzt denkt: «Oh � die Boes
schreibt ein Buch über sich? Was wird da geboten? Schockierende Momentaufnahmen eines TV-Stars? Wie lebt
sie? Wie funktioniert Fernsehen? Wie sind ihre Kollegen?
Welche Skandale sind verborgen geblieben? Hat sie
heimliche Obsessionen? Fetische? Liebt sie Gummi, Lack,
Leder, Bondage oder S / M? Hallooo??? Geht�s noch?
So was schreibe ich nicht! Das könnt ihr knicken! Das ist
schmutzig! Aber worüber schreibe ich denn dann? Ich habe
nicht den leisesten Hauch einer Ahnung. Soll es fiktiv sein?Autobiographisch? Eine Romanze? Ein Schicksalsroman?
Ein Krimi? Jeder schreibt doch Krimis! Die Geburtenrate
in Deutschland sinkt, aber die Zahl der Krimiautoren hat
sich verdreifacht. In den Schlafzimmern wird nicht mehr
geknattert � es wird gemordet. Diesen Trend hatte
ich bereits vor Jahren erkannt und wirklich mal eine
großartige Idee für einen Krimi, und den Plot will ich
euch nicht vorenthalten:
Eine Frau aus Hückeswagen ermordet ihren
Ehemann mit einer Gartenkralle. Dann vergräbt sie
die Leiche im Garten ihrer verhassten Nachbarin. Sie
ruft bei der Polizei an und spricht mit der Stimme
der Nachbarin: «Hilfe! Ich habe meinen Nachbarn
umgebracht und ihn unter dem alten Kirschbaum
vergraben.» Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, dass die
Mörderin ihren Lebensunterhalt durch Stimmenimitation
bestreitet und in Hückeswagen eine Institution
auf diesem Gebiet ist. Wann immer ein Stimmenimitator
gebraucht wird, ruft man sie. Der Polizist, der
den Fall untersucht, ist wahnsinnig muskulös und hat
blaue Augen. Warum, hab ich vergessen. Er findet
die Leiche unterm alten Kirschbaum, und siehe da �
weiter unten im Erdreich findet er ein Skelett. Durch
komplizierte Tests kommt heraus, dass es sich um den
lang verschollen geglaubten Ehemann der Nachbarin
handelt. Sie wird verhaftet und kommt ins Kittchen.
Der Polizist befragt die eigentliche Mörderin, entdeckt
seine Vorliebe für Stimmenimitatorinnen und
verliebt sich in sie. Sie heiraten � sie geht ihm auf
den Sack � er erwürgt sie und vergräbt sie ebenfalls
unterm Kirschbaum im Garten des neuen Nachbarn.
Da er aber kein guter Stimmenimitator ist, fliegt er
auf und wird verhaftet, und der alte Kirschbaum geht
ein.
Der Krimi sollte übrigens «Unter dem alten
Kirschbaum» heißen, ein extrem reißerischer Titel,
wie ich finde. Untertitel: «Verräterische Stimmen in
Hückeswagen». Da läuft es einem doch kalt den Rücken
hinunter, oder? Als ich damals die letzte Zeile
dieses Meilensteins der deutschen Krimigeschichte
schrieb, war ich der festen Überzeugung, den großen
Wurf hingelegt zu haben. Ich war sicher, die gesamte
Krimiszene mit diesem dreckigen kleinen Vorstadtwerk
auf links gezogen zu haben. Heimlich setzte
ich schon mal Verträge mit divenhaften Klauseln auf.
Von unfassbaren Gewinnbeteiligungen war die Rede,
von eigenen Masseuren und Wohnwagen bei den
Lesetouren durch den gesamten deutschsprachigen
Raum, und dass im sehr wahrscheinlichen Falle einer
Verfilmung Uschi Glas nichts mit dem Projekt zu tun
haben dürfe. Aber Seifenblasen platzen sehr schnell.
Meine Mutter las den Roman, lachte herzhaft, ging in
die Küche und fing an, Waffeln zu backen. Vielleicht
lag es daran, dass die gesamte Handlung meines Buches
in nur elf Seiten abgehandelt war? Oder daran, dass
ich erst 14 war? Keine Ahnung �
Ich nahm die elf Seiten und vergrub sie unter
dem alten Kirschbaum bei uns im Garten. Seit
dieser Tragödie hatte ich beschlossen, nie wieder zu
schreiben. Und jetzt muss ich � Mist!
Also habe ich meine Sachen gepackt und mich zu
meinen Eltern zurückgezogen. Als ich bei denen mit
den Koffern vor der Tür stand und meine Mum öffnete,
blickte sie nur auf mein Gepäck � und nickte!
Ein Nicken, wie nur Mütter es beherrschen. Dieses
klare «Ich weiß Bescheid»-Nicken. Ich kann überhaupt
nicht so nicken. Kommt das erst, wenn man
selber Mutter ist? Findet während der Wehen so eine Art
Nickmutation statt? Egal! Also � meine Mutter nickte und
fragte: «Wieder Single?» Eine Unverschämtheit � als wenn
ich nur nach Hause fahren würde, wenn mich jemand verlässt
�
Meine Eltern bezeichnen meinen Bruder und mich
immer als Bumerangkinder, die immer wieder zu Hause
aufschlagen. Also sagte ich: «Nein, Mama! Ich muss ein
Buch schreiben!» � «Ach Gott!», ruft sie, «komm rein � ich
stelle dir einen Tisch unter den alten Kirschbaum �»
eins
Es stimmt nicht, dass das Leben die besten Geschichten
schreibt. Das Leben verzapft lauter unglaubwürdigen Unsinn,
mit dem man sich niemals irgendwo blickenlassen
könnte, weil jeder sofort sagen würde: «Ach, das hast du
dir doch ausgedacht!»
Ich kann das beweisen. Ich habe nämlich eine zutiefst
beschämende Entdeckung gemacht: meine alten
Tagebücher! Geschrieben in der Zeit zwischen meinem
elften und meinem 19. Lebensjahr. Und da stehen Sachen
drin � also Sachen!!!
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Mirja Boes, Jahrgang 1971, hat eine Musical-Ausbildung an der Hochschule für Musik in Leipzig absolviert. Sie spielte im Theaterensemble »Compagnia 82« und beim Improvisationstheater »Frizzles«, ehe sie im Fernsehen bei den »Dreisten Drei«, »Frei Schnauze« und »Genial daneben« als Comedian bekannt wurde.