»Eine einzige Frage nährt meine Schlaflosigkeit: 'Warum gerade ich? Warum bin ich als Einziger davongekommen und Hunderte anderer Kinder unseres Städtchens nicht?'« Nur wenige tausend von rund einer halben Million Menschen überlebten das Warschauer Ghetto, davon nur wenige Kinder. Senek Rosenblum ist eines von ihnen. Die schrecklichen Erinnerungen an seine Kindheit im Krieg haben ihn bis heute nicht losgelassen. Jetzt, mit über siebzig, hat er die Worte gefunden, das Unbeschreibliche zu erzählen - als Zeitzeuge, mit dem Blick eines Kindes und dem Talent eines großartigen Erzählers.
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206004102622
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Unsere Empfehlung für Sie: Denn niemand wird dir glauben
Vater wirkt sehr angespannt, zieht mich von einem Gemüsestand zum nächsten, tut, als würde er sich für die ausgelegten Waren interessieren. Mit meinen sieben Jahren habe ich genug Erfahrung, um zu wissen, dass wir uns wieder einmal in einer entscheidenden und gefährlichen Situation befinden. Seit Monaten sind wir auf der Flucht mit all den Unwägbarkeiten, entdeckt, denunziert oder aufgegriffen zu werden. Die eben geglückte Flucht aus dem Warschauer Ghetto ist eine solche Situation. Der Gemüsemarkt, auf dem wir stehen, wimmelt von Spitzeln und Denunzianten, die mit geübtem Auge nach flüchtigen Juden Ausschau halten.
Und dann die bange Frage: Kommt die Dame, mit der Vater verabredet ist, um mich abzuholen? Denn ein Zurück � ins Ghetto - gibt es nicht mehr. Ein paar Tage zuvor hat Vater begonnen, mich auf dieses Treffen vorzubereiten. Immer wieder hat er mich wiederholen lassen, was ich zu tun habe: Ich muss dieser Dame unbedingt folgen und mit ihr gehen, wohin sie mich auch mitnimmt. Ich heiße nicht mehr Senek Rosenblum, sondern Senek Rurzycki. Auch muss ich die Dame Tante nennen. Vater hat mich einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen, denn bei dem bis ins kleinste Detail einstudierten Rollenspiel bin ich der Unsicherheitsfaktor schlechthin. Wir beide � er, ein Erwachsener, und ich, ein siebenjähriger Junge, � haben eine vollkommen unterschiedliche Wahrnehmung der Umwelt. Dieser Gemüsemarkt zum Beispiel. Für mich eine ganz andere Welt als das Ghetto, keine gehetzten und abgemagerten Menschen, keine mit Zeitungspapier zugedeckten Leichen in den Straßen, und auch nicht dieser entsetzliche Gestank. Der Markt erweckt in mir Neugier und Spieltrieb, zumal fliegende Händler Spielzeug anbieten. Ich vergesse die Gefahr, vergesse, warum wir auf diesem Markt sind. Ich bin in meiner Welt angekommen. Ganz anders als mein Vater, der sich bewusst ist, auch in dieser Welt in ständiger Lebensgefahr zu schweben. Armer Vater! Er hat seine heile Welt schon vor langer Zeit verlassen.
Die junge Frau, die zwischen den Verkaufsständen lächelnd auf uns zukommt, entspricht nicht meiner Vorstellung von einer »Dame«. Sie trägt keinen Hut und keine Tasche, lediglich ein leichtes geblümtes Sommerkleid, das ihr beim Gehen um die Beine weht, sowie Schuhe mit hohen Absätzen und unterm Arm etwas, was sie in Zeitungspapier gewickelt hat. Sie erinnert mich irgendwie an mein polnisches Kindermädchen, das ich in Zychlin bis zu dem Zeitpunkt hatte, da wir ins Ghetto gesperrt wurden. Vater und die junge Frau begrüßen sich herzlich, und ich weiß bis heute nicht, ob sie sich tatsächlich schon einmal gesehen hatten oder die Wiedersehensfreude nur gespielt war. Sie beugt sich zu mir herab und fragt nach meinem Namen. Als ich nicht sofort antworte, drückt Vater meine Hand und fordert mich auf, der Dame � »wie ich gesagt habe« � meinen Namen zu nennen. Ich sage: »Ich heiße Senek.« Darauf erwidert sie, ich solle sie Tante Irka nennen oder besser nur Tante.
Vater übergibt ihr ein Kuvert mit meiner gefälschten Geburtsurkunde und wohl auch Geld. Instinktiv spüre ich, dass mich Vater jetzt verlassen wird. Ich beginne wieder zu weinen. Vater meint, er werde mich bald wieder abholen, und im Übrigen hätte ich doch versprochen, nicht zu weinen. Wieder fühle ich mich an den Abschied von meiner Mutter erinnert, als sie mich das letzte Mal unter Tränen küsste. Damals hat Vater auch gesagt, dass Mutter und Oma bald nachkommen würden. Ich traue Vater nicht mehr, denn Mutter und Oma habe ich seither nicht wieder gesehen. Seine Haltung gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass er keine Widerrede mehr dulden wird. Verängstigt und widerwillig gehe ich ein paar Schritte an der Hand der jungen Frau, um mich nach ein paar Metern rasch umzudrehen, in der vagen Hoffnung, dass Vater es sich anders überlegt hat, aber er ist wie vom Erdboden verschluckt.
Irkas Art ist weder autoritär noch drohend, so wie ich es von anderen Erwachsenen kenne, wenn ich unfolgsam bin. Sie wirkt sanft und lenkt mich in diesen ersten Stunden unseres Zusammenseins immer wieder geschickt ab. Ob ich schon Straßenbahn gefahren sei, fragt sie mich. »Nein, ich bin noch nie mit einer Straßenbahn gefahren, aber im Ghetto habe ich öfter eine gesehen«, sage ich.
Sie bleibt ruckartig stehen, beugt sich zu mir herab, und mit ihrer eher besorgten als strengen Miene sagt sie, ich dürfe niemals wieder vom Ghetto sprechen. »Dein Vater hat es dir mit Sicherheit erklärt«, fügt sie mit Nachdruck hinzu. Für einen Augenblick spüre ich, dass auch sie Angst hat und zweifelt, ob ich richtig auf diese Situation vorbereitet worden sei. Denn jetzt hängt alles davon ab, ob ich tatsächlich in meine neue Identität schlüpfen kann, sollten wir kontrolliert werden, und kontrolliert wird oft. Mein neuer Name ist Senek Rurzycki, hat mir mein Vater eingebläut, und ich komme aus einem Dorf namens Piontki; ich bin Vollwaise, und Irka ist meine Tante, die sich jetzt um mich kümmert.
Wir besteigen eine Straßenbahn, eine bessere Ablenkung könnte es für mich nicht geben. Ich bin noch nie in einem sich schnell bewegenden Fahrzeug gefahren, in dem man nach allen Seiten schauen kann. Wo Telefonmasten und andere Gegenstände am Straßenrand in einem irrwitzigen Tempo vorbeihuschen und es scheint, als würden Fabrikschornsteine und Bäume in der Ferne mitfahren. Als ich noch ganz klein war, bin ich fast täglich mit einem Pferdefuhrwerk oder einer Kutsche gefahren, und vor wenigen Monaten mit einem geschlossenen und mit Menschen vollgestopften LKW ins Warschauer Ghetto, aber da konnte ich nichts sehen. Mit der Straßenbahn ist es etwas anderes. Es gibt keine Pferde, die das Gefährt ziehen, sondern nur einen Mann in Uniform, der vorn an einer Kurbel dreht, und dennoch bewegt sich das Fahrzeug mühelos vorwärts. Im Moment der größten Gefahr ein beglückendes Gefühl. Unbewusst bin ich in einem neuen Zeitalter angekommen.
Quietschend fährt die Straßenbahn eine große Schleife und bleibt in der Richtung, aus der wir kommen, stehen. Es ist die Endstation. Wir steigen aus und finden uns auf einer Straße wieder, gesäumt von Häusern, die nicht so gedrängt stehen wie in der Innenstadt und von denen die wenigsten höher als zwei Stockwerke sind. Eine Gegend in der Peripherie Warschaus, wie mir später bewusst wird. Irka nimmt mich bei der Hand, geht mit mir auf ein Eckhaus mit einem Laden zu und bleibt ein paar Meter davon entfernt stehen. Sie fordert mich auf, ich solle hier auf sie warten und so tun, als würde ich mit etwas spielen. Sie muss erst schauen, ob sich im Treppenhaus jemand aufhält. Nach einer Weile kommt sie zurück und sagt: »Jetzt aber schnell!« Mit eiligen Schritten gelangen wir in das Treppenhaus. Hastig steigen wir die abgewetzten Steintreppen hinauf und biegen in einen dunklen Seitenflur im zweiten Stock. Nach ein paar Metern hält sie vor einer Tür inne. Mit geübtem Griff, als sei sie an die Dunkelheit gewöhnt, öffnet sie die Tür, und wir stehen in einem Zimmer.
Dem Zimmer, in dem sich mein Schicksal entscheiden soll. In dem die unendlichen Tage mit den immergleichen Abläufen für mich zur Hölle werden sollen. Nächte voller Angst und Einsamkeit, das Gefühl des totalen Verlassenseins, aber auch der Hoffnung, die gewisse Glücksmomente heraufbeschwört. Szenen einer andauernden Ausnahmesituation von großer Intensität, die sich mir bis ans Ende meiner Tage ins Bewusstsein gemeißelt haben.
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Senek Rosenblum, 1935 im polnischen Zychlin geboren, hat zusammen mit seinem Vater den Holocaust überlebt. Nach dem Krieg hat er in München seine zweite Heimat gefunden.