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Hand aufs Herz: Anthony McCarten
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Anthony McCarten

Hand aufs Herz

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1 gebund. Buch
Bestellnummer: 108018
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
Buchhandelspreis 21,90 €*
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Über dieses Buch:

Brauchen Sie ein neues Auto? Oder vielleicht gar ein neues Leben? Hier ist Ihre Chance: ein Ausdauerwettbewerb, bei dem ein glänzendes neues Auto zu gewinnen ist. 40 Leute nehmen an diesem skurrilen Wettkampf teil, doch für zwei der Teilnehmer geht es nicht ums Gewinnen, sondern ums nackte Überleben. Was anfängt wie ein Kampf jeder gegen jeden, wird zu der Geschichte eines ungewöhnlichen Miteinanders ... Eine moderne Tragikomödie, die voller kleiner Schicksale steckt und uns Leser mitnimmt auf eine fesselnde Karussellfahrt menschlicher Gefühle. Herzerwärmend, humorvoll und absolut lesenswert!
EAN: 9783257067309

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Leseprobe:

Tom Shrift nahm den Fuß vom Gas und betrachtete das Tohuwabohu auf dem Hof des Autohändlers aus der Ferne. Was für ein Witz! Wie unglaublich jämmerlich die aussehen, wie traurig, wie verzweifelt, ja wie tragisch, dachte er einen Moment lang, doch dann fiel ihm wieder ein, dass er selbst einer von ihnen werden wollte.

Er hatte sich früh auf den Weg gemacht, damit er Vorsprung vor den Mitbewerbern hatte. Er war fest entschlossen, dieses Auto zu gewinnen, aber das hatte er nun doch nicht erwartet. Wer hätte das gedacht? So viele verlorene Seelen. Meine Güte, das sieht aus, als wären sämtliche Mühseligen und Beladenen von ganz London hier zusammengekommen. Prolls im Trainingsanzug. Unrasierte Männer. Unansehnliche Frauen. Zu kurz gekommene. Muskelmänner in den Vierzigern, Bierbauch, Badelatschen an den Füßen. Kampferprobte Mütter im schrillen Sportdress, Wasserflaschen an die Brust gedrückt, zu allem bereit. Alte. Junge. Jede Art von Opfer der harten Realität des Lebens. Und jetzt auch noch er, Thomas H. (für Horatio) Shrift, im Begriff, sich einzureihen, einer von ihnen zu werden, zu kämpfen, wie sie kämpften, Mann gegen Mann. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken. Er packte das Lenkrad seines tuckernden Fiat Punto (den geliebten Volvo mit seinem seidenweichen Schnurren hatte er vor kurzem verkaufen müssen) und starrte diesen Pöbel an: Desperados, einer wie der andere! Was für eine Demütigung, dachte er, wenn man über Nacht zum Nichts wurde, zu einem, der nichts hatte, wo das Haben doch für ihn immer eine Selbstverständlichkeit gewesen war.
Doch Tom war überzeugt, dass er ein Mensch war, der es verdiente, zu haben. Und wenn er erst einmal dieses Auto ergattert hatte-im Grunde war er sich ja sicher, dass er die Kraft hatte, in diesem Wettstreit zu triumphieren-, dann würde er sich auf der Stelle daranmachen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Er würde schon wieder auf die Beine kommen. Das war bisher noch jedes Mal so gewesen. Er stellte das Autoradio ab und drehte den Innenspiegel so, dass er sich betrachten konnte. Er wollte wissen, ob er immer noch aussah wie jemand, der in der Lage war, 150 andere zu schlagen. Doch, fand er, im Großen und Ganzen sah er nach wie vor so aus. Die buschigen Augenbrauen konnten ein wenig Aufmerksamkeit vertragen, wo das eine oder andere Haar sich kräuselte, aber sonst sah er einen gepflegten Mann, einen Mann, der etwas vorstellte-oder es zumindest bald tun würde. Einen besonderen Menschen. Jemanden, der Ehrgeiz im Leib hatte. Anders als die anderen also. Einen Mann von Begabung. Auch jetzt, schon in den Vierzigern, hatte Tom Shrift noch etwas Gewinnendes- das sah er im Spiegel. Wache Augen, ein freundliches Lächeln, energisches Kinn, darunter ein frisch gebügeltes Hemd, reine Baumwolle; breite Schultern, die Schultern eines kräftigen Mannes-Ja, er war nach wie vor der Typ, bei dem ein Fremder denken würde: »Auf den setze ich mein Geld.«
Mit dem angefeuchteten Zeigefinger strich er die Augenbrauen glatt. Wenn man allein lebte, hatte man oft keinen Blick für solche Details. Keiner machte einen Junggesellen darauf aufmerksam, dass sein Atem unangenehm war, dass seine Achselhöhlen stanken. Tom wusste, wie man solche Fallen umging, wie man zum Beispiel in die hohle Hand atmete und den Atem prüfte. In letzter Zeit schwitzte er heftig, zeigte schon jetzt Anzeichen der Wechseljahre, vielleicht wusch er sich zu oft, nahm zu viel Rasierwasser, mühte sich zu sehr, immer wie jemand auszusehen, der geliebt wird. Ein frisches Hemd jeden Tag. Er war nicht kleinlich. Kragen wurden mit Stäbchen verstärkt. Man durfte sich nicht gehenlassen. Unter den nun gezähmten Brauen und getrennt durch die charakteristische lange Nase der Shrifts saßen zwei braune Augen, haselnussbraun genauer gesagt-die Augen seiner Mutter.
Ob er zurückrufen sollte, weil er am Vorabend nicht abgenommen hatte? Jeden Tag das Gleiche. Nein, zum Teufel mit seinen Eltern. Sein Vater hatte seine Mutter sitzenlassen, als Tom noch nicht einmal einen Monat alt gewesen war. Und Tom hatte nie eine Chance gehabt, mit ihm zu reden. Später hatte er diese Leerstelle in seinem Leben immer »das Nichts« genannt. Seine Mutter, die ihn jetzt vom Altersheim aus anrief und ihm Vernachlässigung vorwarf, war eine widerwillige Mutter gewesen, eine selbstsüchtige Frau, seine ganze Jugend hindurch. Erst jetzt, wo sie alt und einsam war, ließ sie von sich hören. Tag für Tag rief sie ihn an, und mittlerweile nahm er die Gespräche die meiste Zeit überhaupt nicht mehr entgegen. Sein ganzes Leben lang hatte sie nur das Allernötigste als Mutter getan. Jetzt tat er nur das Allernötigste als Sohn.
Genauso wie er aus seinem Telefon die Meldungen und Erinnerungen löschte, so befreite er nun auch seinen Kopf von überflüssigen Gedanken. Der Innenspiegel des Autos hatte ihm manch Positives zu erzählen. Was das Äußere anging, da hatte er alles, was er brauchte, um im Leben voranzukommen. Wenn etwas an ihm nicht in Ordnung war-und er gab zu, dass es schon ein oder zwei Probleme gab-, dann zeigte sich das, wenn er den Mund aufmachte. Jedes Mal flog etwas heraus, was andere ärgerte. Er war schnell und schlagfertig, er sprach zu unverblümt, er konnte sich nicht zurückhalten. Vielleicht wusste er einfach zu viel. War das überhaupt möglich? Er las gern: Seine kleine, doch makellose Junggesellenbude war vollgestopft mit Büchern; die Fernsehantenne stand auf einem Stapel Taschenbücher, schwere Nachschlagewerke streckten ihre Rücken aus den Regalen hervor, die Ecke des Sofas, der das Bein fehlte, ruhte auf Churchills Gesammelten Werken. Er las gern und hielt mit seinem Wissen nicht hinterm Berg zurück-warum sollte er auch? Warum den Mund halten, wenn ein Faktum falsch ist, ein Gedanke nicht logisch, ein Zitat falsch zugeschrieben? Wer hat denn etwas davon, wenn man den Dummköpfen freie Bahn lässt? Also machte er den Mund auf. Das, was Tom in seinem Datenbankhirn hatte, wollte heraus. Sein Kopf war mit Superbenzin gefüllt, er brauchte nur einmal aufs Gas zu drücken, und ab ging die Post: Namen, Fakten, Zitate. Er konnte einfach nicht anders, er musste die Leute korrigieren, musste ihnen helfen, einen Irrtum loszuwerden, den sie ihr Leben lang mit sich herumgeschleppt hatten. Ein solches Verhalten war schon im normalen Alltagsbetrieb nicht förderlich, doch besonders unglücklich war es, wenn das andere Geschlecht ins Spiel kam. Welche Frau lässt sich schon gern Vorträge halten? Welche Frau will hören, dass sie im Unrecht ist, eine Sache falsch sieht, und das von einem Mann, der sich seiner selbst so sicher ist? Ja, sein Mundwerk hatte ihn schon mehr Stunden im Bett gekostet als dieses Mundwerk warme Mahlzeiten zu sich genommen hatte, aber was sollte er tun? Sollte er sich dumm stellen, nur damit er eine Frau ins Bett bekam? Wenn das der Weg zum Ziel war, dann war ihm sein Hirn zu schade dafür. Solche faulen Kompromisse würde er nicht machen.
Als Zwanzigjähriger hatte Tom einmal an einem Intelligenztest teilgenommen und seine Kräfte mit Genies gemessen. Der Test bestätigte, dass er kein Dummkopf war. Das Ergebnis wies ihm einen Platz in den obersten 1% der Menschheit zu-der Elite! Wie war es da möglich, dass-und hier stellte sich die alte Frage wieder neu, als er nun den Blick hob und von seinem Punto auf- und hinüber zu der Menschenmenge im Hof des Autohändlers blickte, zu der immer weitere hinzuströmten-, dass ein intelligenter Mann wie er, ein wahrer Gehirnathlet, sich dermaßen abstrampeln musste, um einfach nur zu überleben? Und gezwungen war, zu Maßnahmen wie dieser zu greifen? Kurz: Wie hatte er so tief sinken können, dass er jetzt einen Fiat Punto fuhr?

Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié

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Pressestimmen:

»Ein dramatischer, tragikomischer Roman über Engagement, Miteinander und neue Möglichkeiten.« Publishers Weekly

»Anthony McCarten hat die unglaubliche Gabe, Geschichten so aufzuschreiben, dass es einem das Herz zerreißt, während man über seine Einfälle, Sprüche und seinen unbesiegbaren Humor lacht.« Hamburger Abendblatt

»Anthony McCarten hat ein Händchen für tolle Geschichten, kann ernste Themen mit viel Witz behandeln.« Westdeutscher Rundfunk

»Tragisch, witzig, fesselnd und sehr unterhaltsam.« Hessischer Rundfunk

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