Iris Grädler

Arno Eckhardt








Über das Schmieden



Arno Eckardt von der Traumschmiede im Interview mit Iris Grädler

Was hat Ihnen an dem Roman von Katia Fox besonders gut gefallen?

Mir gefällt der Roman insgesamt sehr gut! Es ist eine runde und sehr gelungene Sache, die man, denke ich, am besten als Ganzes betrachtet. Natürlich gibt es da ein paar Stellen, an denen ich mich selbst deutlich wieder finden kann. Das hat natürlich was. Ich denke, dass es meinen Schmiedekollegen, die den Roman lesen werden, teilweise ähnlich gehen wird. Aber auch, wer vom Schmieden nicht die geringste Ahnung hat, wird auf seine Kosten kommen.

Welche Faszination übt das Mittelalter auf Sie aus?

Ursprünglich war es für mich nur die Faszination des Unbekannten, vielleicht etwas düsteren Mittelalters, die wohl die meisten Menschen, nicht zuletzt dank Hollywood, seit Ihrer Kindheit in sich tragen. Immer mehr Leute trauen sich inzwischen auch, diesen Kindheitstraum auszuleben, z.B. indem sie sich Gewandungen schneidern und mittelalterliche Veranstaltungen besuchen oder sogar dieses schöne Hobby zum Beruf machen. Inzwischen ist es mehr die Begeisterung daran, was man mit einfachsten Mitteln leisten kann. Was so weit geht, dass ich in vielen "modernen" Industrieprodukten tatsächlich eher einen Rückschritt, als einen Fortschritt sehe. Natürlich stehen auch hier Schneidwerkzeuge an erster Stelle.

Wie authentisch schildert Katia Fox das Leben eines Schmieds im Mittelalter?

So genau, wie wir es heute nach bestem Wissen und Gewissen sagen können. Die meisten Leute glauben, man bräuchte nur einen Archäologen oder Historiker zu fragen und prompt bekommt man eine allgemeingültige Antwort. Dem ist beileibe nicht so. Die moderne Wissenschaft konnte schon viele Rätsel um die Lebensart unserer Vorfahren lösen, aber ebenso viele bleiben wohl für immer offen. Letztlich sind es ja auch genau solche offenen Fragen, die die alte Zeit für uns so interessant machen. Ich durfte aber selbst miterleben, wie gewissenhaft und ausgiebig Katja Fox für Ihren Roman recherchiert hat. Die Sache ist also meiner Meinung nach "Hieb,- und Stichfest".

Im Roman wusste die Heldin bereits im Kindesalter, dass der Schmiedberuf ihre 'Berufung' sein sollte - können Sie das nachvollziehen?

Natürlich! Auch ich habe sehr früh mit dem Schmieden angefangen, ich war, glaube ich, 12 Jahre jung, und war sofort so gefesselt, dass ich mir das als Beruf vorstellen konnte, obwohl ich eigentlich vorhatte, Chemie zu studieren... Wenn ich auf Märkten oder ähnlichen Veranstaltungen vor Publikum schmiede, stehen immer die Kinder mit leuchtenden Augen ganz vorne. Übrigens auch die Mädels!

Worin liegt für Sie die besondere Faszination der Schmiedekunst?

Das ist der richtige Zeitpunkt, um Klischees als absolut zutreffend zu entlarven: Feuer, Stahl, Funkenflug, die Arbeit mit allen alchemistischen Elementen die durch puren Schöpfungswillen Gegenstände hervorbringt, die man zuvor niemals in einem unförmigen Klumpen Stahl vermutet hätte, sei es ein Schwert, ein Tor oder ein Schmuckstück... Und vor allem: Es macht mir einfach Spaß!

Welche Bedeutung, welchen Stellenwert hatte ein Schmied im Mittelalter, insbesondere ein Schwertschmied?

Schwer zu sagen, wie meistens, wenn man ganz genau wissen möchte, wie es "früher" so war. Ich persönlich bin mir aber sehr sicher, dass es in Ellens Zeit ein sehr angesehener Beruf war, schon allein deshalb, weil für ein derart einfach erscheinendes und dennoch höchst anspruchsvolles Stück wie eine gute Schwertklinge das gesamte, technische "Know How" der damaligen Zeit aufgewendet werden musste. Genaugenommen ist das noch heute so. Um ein gutes Schwert schmieden zu können, genügt es bei weitem nicht, breite Schultern zu haben (was eigentlich auch nur ein Klischee ist). Man muss einfach sehr viele Dinge sehr richtig machen und darf sich eigentlich keine Fehler erlauben. Ein gewisses Feingefühl und metallurgisches Grundwissen gehören ebenfalls dazu. Damit möchte ich jetzt keinesfalls den Beruf als etwas Besonderes herausheben, aber es ist eben eine Aufgabe, die sehr gut geschulte Spezialisten erfordert. Und die waren damals wie heute ebenso rar, wie angesehen.

Können Sie sich vorstellen, dass im Mittelalter Frauen diesen Beruf ausgeübt haben?

Ja, durchaus. Sicherlich war es nicht die Regel, sondern eine deutliche Ausnahme. Auch Ellen, die Romanheldin von Katia Fox, hat ja ihre liebe Not damit. Aber ebenso, wie es im gesamten "Mittelalter" immer wieder Frauen gab, die nachweislich sogar mit dem Schwert in der Hand in den Krieg gezogen sind, wird es auch Frauen am Amboss gegeben haben. Letzteres ist genau genommen sogar deutlich wahrscheinlicher. Und Feingefühl und gewissenhaftes Arbeiten werden ja auch heute noch von vielen Arbeitgebern gerade bei Frauen sehr geschätzt.

Sind Sie in der Gegenwart schon einmal einer weiblichen Schwertschmiedin begegnet?

Einer Schwertschmiedin (leider) noch nicht, wohl aber einigen Frauen, die tatsächlich aktiv im Schmiedehandwerk tätig sind. Eine davon hat auch Katia Fox im Zuge der Recherche zu Ihrem Roman ausgiebig befragt, was ganz klar zu dem gelungenen Gesamtbild des Romans beigetragen hat. Wir haben außerdem einen recht hohen Anteil an Frauen in unserer Schwertschule, vor deren Können ich als "blutiger Anfänger", was das Schwertfechten betrifft, teilweise nur meinen Hut ziehen kann.

Was stellt ein Schwert für Sie dar - ein Kunstobjekt, ein Kultobjekt oder ein Kampfmittel?

Mit einem Wort: alles. Ein Schwert ist nicht die Summe seiner Teilen sondern sowohl künstlerisch, als auch ideell, als auch technisch zu jeder Zeit ein ausgereiftes Gesamtsystem gewesen. Das ist es auch, was die Faszination an dieser alten und eigentlich ja völlig überholten Waffe bis heute ausmacht. Habe ich "Waffe" gesagt? Ein Schwert ist auch weit mehr als nur ein derbes Mordwerkzeug. Auch zu Ellens Zeit gab es bereits weit effektivere Waffen, wie etwa Bögen, Armbrüste und Lanzen. Das Schwert jedoch verkörperte den Mut und die Entschlossenheit, die nötig waren, um allein mit diesem Werkzeug bestehen zu können. Dazu gehörte unter Anderem auch eine harte, jahrelange Ausbildung. Das Schwert war oft zugleich eine Verkörperung religiöser Prinzipien, wie etwa als Kreuzsymbol. Zusammengefasst ist es eben DAS Symbol der Ritterlichen Tugenden. So "ritterlich" man sich das Mittelalter auch vorstellen mag, damals wie heute sind diese Tugenden ein Maßstab, dem nur sehr wenige tatsächlich gerecht werden können. Und genau das macht das Schwert zu dem, was es ist.

Benutzen Sie selbst Ihre geschmiedeten Schwerter, zum Beispiel auf Mittelalterfesten?

Selbstverständlich. Ich bin zwar aus Zeitmangel inzwischen etwas aus der Übung geraten, aber ich habe etwa drei Jahre lang intensiv in unserer Schwertschule in Tübingen das Schwertfechten nach alten Überlieferungen erlernt und mir dazu natürlich auch ein stumpfes Trainingsschwert mit Originalgewicht- und Balance angefertigt. Derzeit erlebt das "Historische Fechten" weltweit eine Renaissance, die ich selbst niemals vermutet hätte. Kein Wunder eigentlich: Die erhaltenen Überlieferungen aus fast sechs Jahrhunderten Schwertgeschichte sind teilweise so komplex und umfangreich, dass sie den Vergleich mit den wesentlich bekannteren, asiatischen Kampfkünsten in keiner Weise zu scheuen brauchen. Inzwischen bestehen sogar Kontakte nach Japan, dem Ursprungsland der wohl bekanntesten Schwerter. Und die Japaner zeigen sich dazu sehr aufgeschlossen und interessiert.

War es für Sie eine besondere Herausforderung, das in dem Roman beschriebene Schwert Athanor nachzuschmieden?

Teilweise, ja. Es war z.B. unser erstes Schwert mit einer Einlegearbeit auf der Klinge, was eine sehr vorausschauende Planung und sehr saubere Arbeit erfordert. Man sollte außerdem kaum glauben, wie schwierig es selbst heute noch ist, auch nur eine passende Seidenkordel für die Griffwicklung aufzutreiben. Ich habe dazu fast ein halbes Jahr lang immer wieder recherchieren, Angebote einholen und auf den ersten Blick viel versprechende Firmen wieder von der Liste streichen müssen. Was ich letztlich bekommen konnte, musste ich noch selbst auf das passende Maß kordeln. Ansonsten ist es ja zeitgemäß ein eher schlichtes Stück, welches im Roman vor allem durch seine hervorragende Qualität und Zweckbezogenheit "besticht". Ich bin bei Schwertern selbst eher Purist und kein Freund von großen "Schnörkeln". Sowohl Ellens Zeitgenossen als auch meine heutigen Kunden waren und sind da meist derselben Ansicht.